Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten gesundheitlichen Beschwerden weltweit. Nahezu jeder Mensch macht im Laufe seines Lebens Erfahrungen mit Schmerzen im unteren Rücken. Physiotherapeuten, Ärzte und andere Gesundheitsfachkräfte sind daher täglich mit dem Thema konfrontiert. Häufig werden medizinische Bildgebungsverfahren wie das Magnetresonanztomogramm (MRT) herangezogen, um mögliche strukturelle Ursachen für die Beschwerden zu finden.
Doch wie aussagekräftig sind diese MRT-Aufnahmen wirklich, wenn es um die Prognose zukünftiger Rückenschmerzen geht? Eine neue Studie hat sich genau dieser Frage gewidmet. Und genau um diese spannenden Ergebnisse sowie ihre Bedeutung für Patienten und Therapeuten soll es in diesem Artikel gehen.
Warum ist das Thema so wichtig?
Der vorliegende Blogartikel möchte aufklären, warum MRT-Befunde nur begrenzt Auskunft darüber geben, wie stark oder langanhaltend Rückenschmerzen in der Zukunft sein werden. Darüber hinaus werden praktische Tipps gegeben, wie man trotz auffälliger MRT-Befunde aktiv bleiben und Rückenschmerzen vorbeugen oder lindern kann.
In der medizinischen Fachwelt wird oft von „nicht-spezifischen Rückenschmerzen“ gesprochen. Das bedeutet: Es lässt sich keine eindeutige, ursächliche Struktur (z.B. ein Bandscheibenvorfall, Fraktur oder Tumor) benennen, die die Schmerzen erklärt. Studien zeigen, dass bei den meisten Betroffenen ein solcher eindeutiger „Schuldiger“ nicht gefunden werden kann.
Dieser Umstand ist für Patienten meist frustrierend, denn man wünscht sich Klarheit. Aber die Realität ist, dass viele Faktoren an Rückenschmerzen beteiligt sein können, darunter:
Ein MRT liefert gestochen scharfe Bilder von Wirbelsäule, Bandscheiben, Muskeln und anderen Strukturen. Häufig identifiziert man dabei:
All diese Veränderungen treten auch häufig bei Menschen ohne jegliche Schmerzen auf. Das ist ein zentraler Punkt: Nicht alles, was „kaputt“ aussieht, muss zwangsläufig Schmerzen verursachen.
Für Behandelnde ist es oft eine Herausforderung, die MRT-Bilder richtig einzuordnen. Patienten sehen „böse“ aussehende Veränderungen und geraten in Sorge. Doch Studien belegen, dass viele dieser Veränderungen einfach zum normalen Alterungsprozess gehören.
Ein Beispiel: In einer bekannten Studie fand man heraus, dass ein hoher Prozentsatz beschwerdefreier Probanden Bandscheibenvorfälle oder andere Auffälligkeiten im MRT hatte – ohne irgendein Schmerzempfinden.
Die Kernaussage ist daher: Ein auffälliges MRT ist nicht gleichbedeutend mit starken aktuellen oder zukünftigen Schmerzen.
Die hier besprochene Studie (Kasch et al. 2022) wollte herausfinden, ob bestimmte degenerative Veränderungen im MRT tatsächlich mit aktuellen und zukünftigen Rückenschmerzen zusammenhängen. Dabei wurden Personen mit und ohne Rückenschmerzen untersucht.
Warum ist das wichtig?
An der Studie nahmen 3369 Personen teil. Alle Probanden bekamen zu Beginn der Studie ein MRT der Lendenwirbelsäule (LWS). Zusätzlich füllten sie Fragebögen aus, in denen sie ihre Schmerzen und mögliche Einschränkungen in den letzten drei Monaten einschätzten.
Sechs Jahre später erfolgte eine erneute Befragung der Teilnehmer, um die Entwicklung der Rückenschmerzen im zeitlichen Verlauf zu erfassen.
Die Teilnehmer gaben an, wie stark ihre Rückenschmerzen und ihre daraus resultierenden Einschränkungen in den letzten drei Monaten waren. Diese Informationen wurden in numerischen Skalen (0 = gar keine Schmerzen/Einschränkungen bis 10 = stärkste Schmerzen/Einschränkungen) festgehalten.
Nach sechs Jahren wiederholte man diesen Vorgang. Mit Hilfe von Regressionsmodellen (statistischen Verfahren) versuchten die Forschenden herauszufinden, welche MRT-Befunde bei Studienbeginn mit Schmerzintensität zu diesem späteren Zeitpunkt zusammenhängen.
Zwar gab es einen leichten Trend, dass mehr MRT-Befunde mit etwas höheren Schmerzangaben einhergingen, doch war dieser Unterschied eher gering. Menschen mit fünf oder mehr MRT-Befunden hatten im Schnitt nur um 0,84 Punkte höhere Schmerzwerte als Personen ohne Befund.
In Zahlen klingt das vielversprechend gering, bedenkt man, dass 0,84 Punkte auf einer 10er-Skala in der Regel unterhalb der Wahrnehmungsschwelle für einen klinisch bedeutsamen Unterschied liegen.
Die zentrale Fragestellung war, ob MRT-Befunde zu Studienbeginn (Baseline) künftige Rückenschmerzen vorhersagen können. Dabei zeigte sich, dass die meisten untersuchten Parameter keinen signifikanten oder nur einen sehr geringen Zusammenhang mit den Schmerzen sechs Jahre später hatten.
Das Phänomen, dass Spondylolisthesis teils mit höheren, teils aber mit niedrigeren Schmerzwerten im Zeitverlauf einhergeht, unterstreicht die Komplexität des Themas. Strukturelle Veränderungen können sich je nach Gesamtbild des Patienten unterschiedlich auswirken.
Fazit zu den Studienergebnissen: MRT-Befunde sind nur begrenzt aussagekräftig, wenn es um das tatsächliche Ausmaß oder die Zukunft von Rückenschmerzen geht. Die Unterschiede waren statistisch zwar nachweisbar, aber klinisch meist nicht relevant, da sie nur geringe Schmerzunterschiede erklären konnten.
Für Betroffene ist es oft beunruhigend, wenn das MRT eine Reihe von Veränderungen zeigt. Doch die Studie legt nahe, dass sogar mehrere degenerative Befunde nicht automatisch zu stärkeren oder langanhaltenderen Schmerzen führen müssen.
Das heißt konkret: Ein stark verändertes Bild muss nicht zu einem höheren Schmerzlevel oder einer schlechteren Prognose führen. Die Bedeutung für die langfristige Schmerzentwicklung ist eher gering.
Viele Patienten erleben ein Aufatmen, wenn sie verstehen, dass es „normal“ sein kann, bestimmte Veränderungen im MRT zu sehen. Ängste und Sorgen können sich dadurch reduzieren. Weniger Angst bedeutet oft auch weniger Muskelanspannung und insgesamt weniger Schmerzverstärkung durch psychische Faktoren.
Wenn Ärzte und Physiotherapeuten dies verständlich kommunizieren, kann das das Selbstmanagement der Patienten unterstützen.
Nicht jede Person mit Rückenschmerzen hat den gleichen Therapieverlauf. Manche wurden vielleicht operiert, andere erhielten Physiotherapie, wieder andere machten gezielt Krafttraining oder gar nichts. Diese Unterschiede in der Behandlung könnten das Schmerzgeschehen beeinflussen, wurden in der Studie aber nicht detailliert ausgewertet.
Auch psychosoziale Faktoren können eine Rolle spielen, wurden hier jedoch nicht explizit oder nur unzureichend erfasst.
Die Nachbeobachtung betrug sechs Jahre. Das ist zwar ein vergleichsweise langer Zeitraum, dennoch könnten andere Untersuchungszeiträume (z.B. 1 Jahr oder 10 Jahre) möglicherweise andere Ergebnisse liefern.
Personen mit hochakuten Schmerzen, chronisch starken Einschränkungen oder spezifischen Krankheitsbildern (z.B. rheumatische Erkrankungen) wurden nicht getrennt ausgewertet. Hier kann es sein, dass gewisse MRT-Befunde durchaus aussagekräftiger sind als in der breiten Allgemeinbevölkerung.
Die meisten Leitlinien empfehlen ein MRT nur, wenn ein konkreter Verdacht auf eine ernsthafte strukturelle Ursache besteht (z.B. Verdacht auf Tumor, Bruch, schwere neurologische Ausfälle). Bei „nicht-spezifischen Rückenschmerzen“, die kürzer als sechs Wochen andauern, ist ein frühzeitiges MRT oft nicht nötig.
Warum?
Zahlreiche Studien belegen, dass regelmäßige Bewegung und gezieltes Training (z.B. Stabilisations- und Kräftigungsübungen für die Rumpfmuskulatur) eine der effektivsten Maßnahmen zur Behandlung und Vorbeugung von Rückenschmerzen sind.
Beispielübungen:
Wichtig ist, dass die Übungen auf den individuellen Fitnesslevel angepasst werden. Hier kann ein Physiotherapeut gezielt helfen.
Konservative Maßnahmen umfassen Physiotherapie, manuelle Therapie, Massagen, Wärme-/Kälteanwendungen, aber auch beratende Ansätze zu Schmerzmanagement und Bewegung.
Neben körperlichen Maßnahmen spielt auch die Psyche eine große Rolle. Wer starke Angst vor Schmerz oder vor einer möglichen Verschlimmerung durch Bewegung hat, neigt zu Schonhaltungen. Diese Schonhaltungen können die Symptome jedoch verstärken oder chronisch machen.
Tipp:
Rückenschmerzen sind ein komplexes Phänomen, das von einer Vielzahl körperlicher, psychischer und sozialer Faktoren beeinflusst wird. MRT-Aufnahmen zeigen zwar strukturelle Veränderungen, doch diese sind nicht zwingend verantwortlich für das Schmerzgeschehen – weder aktuell noch in Zukunft.
Die aktuelle Studie von Kasch et al. untermauert dies eindrucksvoll:
Was bedeutet das für Patienten und Physiotherapeuten?
Ausblick
Zukünftige Forschungen werden weitere Faktoren beleuchten, die Rückenschmerz beeinflussen. Psychologische und soziale Aspekte sowie individuelle Bewältigungsstrategien könnten hier eine noch größere Rolle spielen, als wir bisher annehmen. Für Patienten bedeutet dies vor allem: Aktiv bleiben, sich beraten lassen und das Vertrauen in den eigenen Körper stärken.